EINLEITUNG | DER FLUG NACH BISHKEK | FÜR UNS WIRD EIN SCHAF GESCHLACHTET | IM HIMMLISCHEN TAL | 10 JAHRE KIRGISTAN | ZUR BEDEUTUNG DER PFERDE IN KIRGISTAN | DIE HOCHZEIT | DIE FAHRT NACH KARAKOL | IM TAL DER SIEBEN STIERE | IN KARAKOL | ABSCHIED | EIN TOAST

Einleitung

Im Spätsommer 2001 hatten wir die phantastische Gelegenheit zwei Wochen in Kirgistan zu verbringen. Ein sehr guter Freund hatte uns eingeladen, mit ihm in dieses Land zu reisen – zu einer besonderen Gelegenheit: Wir waren zu seiner kirgisischen Hochzeit eingeladen. Untergebracht wurden wir bei der Familie der Braut. Diese Familie und Freunde der Familie kümmerten sich die 14 Tage rührend um uns und ermöglichten uns tiefe Einblicke in die fassettenreiche Vielfalt dieses Landes. Mit diesem sehr persönlichen Reisebericht möchten wir Danke sagen, für die herzliche Gastfreundschaft, die wir in diesen Tagen erfahren durften.

Der Flug nach Bishkek

In der Sommerzeit gehen u. a. von Frankfurt / Main zwei mal in der Woche Flüge nach Bishkek, der Hauptstadt von Kirgistan. Wir hatten uns für den Sonntags-Nachmittag-Flug entschlossen. Dieser wurde dann aber leider aus technischen Gründen auf Montag morgen verschoben, so begann unsere Reise auch schon mit einem Abenteuer: Wir waren pünktlich, aber unser Freund und seine Frau und der Rest unserer kleinen Reisegruppe, steckten im Montags-Morgen-Berufsverkehr-Stau fest und kamen erst eine knappe halbe Stunde vor Abflug am Flughafen an. Nun denn: Wir verpassten unseren Flug nicht, und sogar unser Gepäck kam noch mit. Die reine Flugdauer betrug ungefähr 6 1/2 Stunden, wobei wir einen Zwischenstopp zum Auftanken in Moskau einlegten. Am Flughafen wurden wir von der Familie der Braut mit offenen Armen empfangen, es war mittlerweile Mitternacht, für uns war es durch die Zeitverschiebung aber erst früher Abend. So störte es uns auch ganz und gar nicht, dass wir auf der Fahrt vom Flughafen eine kleine Autopanne hatten und die Fahrt mit einer Taxe fortsetzen durften.

Für uns wird ein Schaf geschlachtet

Am nächsten Tag wurde uns zu Ehren ein Schaf geschlachtet. Dies ist eine besondere Würdigung der Gäste. Im Hof versammelten sich die Familie und wir, die Gäste, im Kreis, um dieses Tier zu opfern. Wir sprachen zusammen ein Amen und machten dabei die typische Bewegung der Hände, die auch nach jedem Essen üblich ist: Die Hände werden, mit den Handflächen vor der Stirn beginnend, bis zur Brust geführt, wo sich die Handflächen dann berühren. Dann wurde das Tier bei Seite geführt und geschlachtet. Und die Familie begann mit der Zubereitung des Schafes. Am Abend gab es Schaf. Aber nicht irgendwie auf dem Teller überreicht, sondern mit einer tiefen Bedeutung. Die Innereien des Tieres waren auf vielfältigste Art zubereitet, es gab die leckersten Gerichte. Zum Händewaschen reichte der älteste Sohn der Familie Wasser und Handtuch – und empfing dabei die Wünsche der Gäste. Der Ehrengast bekam den Schafskopf, der jüngste Sohn der Familie aber die Ohren. Die Braut bekam auch ein besonderes Stück Fleisch. Alles hatte seine tiefe, traditionelle Bedeutung, die sich uns nur zum Teil erschloss, uns aber vor Augen führte, welche Verbundenheit bei uns in Deutschland verloren gegangen ist.

Im Himmlischen Tal

In den folgenden Tagen machten wir einen Ausflug in die Berge. In das Himmlische Tal. Dieses Tal ist ein Nationalpark in einer atemberaubenden Landschaft. Zum Mittag waren wir eingeladen, unser Essen am Ende des Tals in der Präsidentenjurte – einem großen, runden Zelt aus festem Filz – einzunehmen. Ein besonderes Erlebnis: Das Sonnenlicht schien durch eine Öffnung in der Mitte des Zeltdaches direkt auf den reichlich gedeckten Tisch. Ein Ausritt zu Pferd weiter in das Tal rundete diesen Nachmittag ab. Ein Abendessen in der Sauna, eingeladen vom Direktor des Nationalparks – natürlich mit einem uns überraschenden anschließenden Saunabesuch und Abkühlung, im vom Gletscherwasser gespeisten See, mitten in der Nacht – waren weitere, der vielen sich immer wieder überbietenden, Höhepunkte unserer Tage in diesem Land.

10 Jahre Kirgistan

Am Abend des folgenden Tages waren wir zu den Feierlichkeiten zur 10-jährigen Eigenständigkeit des Landes eingeladen. In einer Vorführung unter freiem Himmel wurde die sehr wechselvolle Geschichte des kirgisischen Volkes gezeigt, unter Anwesenheit eines ausgesuchten Publikums und der wichtigsten Persönlichkeiten des Landes. Beeindruckend war, wie selbstbewusst sich die Kirgisen zeigten, wie aber dennoch deutlich wurde, wie sie nur gemeinsam im Verbund mit anderen Völkern und Staaten ihren eigenen Weg gehen können.

Zur Bedeutung der Pferde in Kirgistan

Einen Tag darauf, der Tag vor der Hochzeit, wurden wir eingeladen bei einer weiteren, sehr besonderen Vorbereitung dabei zu sein. Zu Ehren des Hochzeitspaares wurde ein Pferd geschlachtet. Ein Pferd. Als Dank für diese Opfergabe wurde gemeinsam das Amen gesprochen, so wie bei der Schlachtung des Schafes. Das Pferd hat für dieses alte Volk eine besondere Bedeutung. Dies sollten wir am gleichem Tag noch ein weiteres Mal erleben, denn wir waren eingeladen einem Pferderennen zuzusehen. Dieses Pferderennen ist natürlich nicht vergleichbar mit einem Rennen auf einer deutschen Galopprennbahn. Pausenloses Programm. Zwei Kämpfer mussten sich gegenseitig vom Pferd ziehen, am Tuch, das sie um den Bauch gebunden hatten. Eine farbenbunte Parade zog auf, von allen Seiten des Feldes – unser Direktor vom Nationalpark, ganz in Weiß auf einem Schimmel, natürlich mitten dabei. – Ein Pferderennen über mehr als zwanzig Kilometer fand statt, junge Reiter teilweise ohne Sattel und ohne Schuhe gaben ihr Äußerstes. Dabei schieden auch viele Reiter vorher aus, aber sie waren dabei, darauf kam es an. Zwischendrin erzählten zwei Reiter eine kirgisische Geschichte. Dann ritten eine junge Frau und ein junger Reiter um die Wette, um sich Küsse zu klauen oder den anderen vom Pferd zu schubsen. Vom Publikum besonders aufgenommen wurde aber folgendes Reiterspiel: Zwei Mannschaften. Ein toter, ausgenommener Ziegenbock im Kreis in der Mitte des Spielfeldes. Ein Reiter jeder Mannschaft, der versuchte den Ziegenbock zu greifen. Ein Reiter, der sich den Ziegenbock zwischen Pferd und Oberschenkel klemmte. Reiter, die versuchten, im Galopp den Ziegenbock dem anderen Reiter abzujagen. Zwei runde Kreise am Ende des Spielfeldes, mit alten Reifen umrandet, als Tore. Wer es schaffte, den Ziegenbock in das gegnerische Tor zu werfen, hatte einen Punkt gewonnen. So ging dieses ungewöhnliche Spiel – wir nannten es für uns „Pferdefussball“ – wild hin und her.

Die Hochzeit

Die Hochzeit. Am Vormittag fand eine sehr würdevolle, standesamtliche Trauung statt. Junge Frauen in weißen Kleidern wiesen mit einer roten Rose den Weg, die Treppe hoch in das Trauzimmer. Drei Frauen spielten klassische Musik. Alleine diese beiden Sätze sollen alles sagen. Die Schwestern der Braut hatten organisiert, dass wir uns mit dem Brautpaar nach dem Standesamt auf Stadtrundfahrt quer durch Bishkek aufmachten. Wir besuchten die Denkmäler der Stadt, den Park, erlebten eine kleine Brautentführung, fuhren Riesenrad… Das ungewöhnliche an dieser Stadtrundfahrt war, dass wir dabei das Gefühl vertieften, wie schön dieser Tag war und wie schön es ist, das alle Menschen von diesem schönen Tag erfahren. Zum Abschluß dieses Nachmittags besuchten wir Manas-Park, einen Garten zur Würdigung von Manas, dem Held der Kirgisen, über den sich über Jahrhunderte viele Geschichten webten. So verbindet Manas mit seiner Geschichte das heutige Leben der Kirgisen sehr lebensnahe mit der Vergangenheit. Am späten Nachmittag trafen wir dann in den festlichen Räumen ein, in denen die anderen eingeladenen Hochzeitsgäste schon auf uns warteten. Und hier ging es dann richtig los, mit Ansprachen und singen, mit essen und tanzen, mit reden und zuhören, mit feiern… Das Hochzeitspaar wurde besonders geprüft: Bei jeder Rede durften sie aufstehen – und dies vor einem fürstlich gedeckten Tisch. Die Frage blieb dabei nicht aus, warum sie denn nichts essen würden. Dazu kamen sie kaum, im stehen. Nach dieser Hochzeit mussten wir uns erst mal einen Tag erholen.

Die Fahrt nach Karakol

In der zweiten Woche fuhren wir nach Karakol, eine Stadt, die östlich vom Issyk-Kul-See liegt. Hier spielen die Geschichten von dem kirgisischen Schriftsteller Tschingis Aitmatow. Kirgistan ist zu über 95 % ein Gebirgsland – die Schweiz Asiens – aber rund um den über 150 km langen See erstrecken sich auch sehr fruchtbare Gebiete. Herden wurden über die Straßen auf die Felder getrieben. Familien und Angestellte, Kinder und Alte sahen wir bei der Feldarbeit. Auf der Straße wurde das Heu mit Kutschen transportiert. Aber auch moderne Mähdrescher begegneten uns. Es fahren viele ehemals deutsche Autos, man erkennt es an den Aufschriften. Aber z. B. auch auf den Tankstellen sind ausrangierte Zapfsäulen mit „DM“ und Aufklebern wie „Bleifrei“ in Betrieb. Was bei uns nicht mehr gebraucht wird, wird hier noch nicht weggeworfen. Nur, wer verdient daran?

Im Tal der Sieben Stiere

Von Karakol aus machten wir einen Ausflug in das Tal der Sieben Stiere. Es war einmal ein Bauer, der hatte sieben Stiere. Eines Tages trieb er seine Stiere in ein Tal. Er dachte sich, dass schon nichts passieren wird und ließ die Tiere frei grasen. Am Abend wollte er sie wieder einfangen, er suchte und suchte, aber er konnte sie nicht finden. Auch am nächsten Tag suchte er verzweifelt, aber die Stiere blieben verschwunden. Schließlich gab er auf und machte sich wieder auf den Rückweg. Jahre später kam er wieder in das Tal und was sah er da? Sieben Stiere standen dort am Horizont, sie bewegten sich nicht. Groß waren sie geworden, freute sich der Bauer. Große, rote Felsen. Auf dem Weg in dieses Tal kamen wir vorbei am Gebrochenem Herzen. Weiter fuhren wir entlang an einem reißenden Bachlauf, überquerten diesen öfter auf einfachen Brücken aus Holzbohlen. In einem weiten Tal, mit dem Blick auf die schneebedeckten Berge, machten wir Halt. Hier wollten wir wandern. Aber eine sehr einfache Bauersfrau lud uns ein zu einem Mittagessen: Es gab frisch gebackenes Brot mit Rahm und Joghurt, danach Tee. Wir überlegten uns, ob und wie wir uns für dieses Mahl erkenntlich zeigen könnten, aber uns wurde übersetzt, dass dies eine Beleidigung sein würde. Mit Geld oder einem Geschenk hätten wir unsere Gastgeber beschämt. Hier, bei diesen einfachen Menschen, wird gegeben ohne zu nehmen, ohne zu verrechnen, einfach, um zu helfen.

In Karakol

Natürlich sahen wir uns auch die Stadt Karakol an. Wir besichtigten eine orthodoxe Kirche. Wir besuchten eine Mosche und wanderten durch die Stadt. Alte Häuser aus der Jahrhundertwende prägen das Stadtbild. Am nächsten Tag besuchten wir ein sehr eindrucksvolles Museum um den Asien-Forscher Nikolai Prschewalski (*1839, †1888), der den asiatischen Raum zu Pferd und zu Fuß erkundete, zu Humboldts Zeiten, mit dem er auch korrespondierte. Sein Denkmal steht am östlichen Ufer des Issyk-Kul-Sees. Hier spürten wir wieder den Stolz auf einen der bedeutenden Persönlichkeiten des Landes. Abends waren wir mal wieder eingeladen, diesmal bei dem Onkel der Braut. Und wieder gab es uns zu Ehren ein Schaf zu Essen. Nach dem Esssen wurde eine Teetasse von einem zum anderen gereicht, wer sie bekam wurde gebeten ein Lied zu singen. So wechselten sich kirgisische, russische, deutsche und andere fröhliche Gesänge ab.

Abschied

Aber auch zwei Wochen vergehen schnell. Noch ein Tag im Kreis der Familie. Und dann hieß es Abschied nehmen. Im Hof wurde noch ein letztes Mal angestoßen und Besch-Barmak, ein Nudel-Fleisch-Gericht gereicht. Der Gast geht nicht mit Hunger. Die Mutter der Braut blieb im Haus zurück, Vater und Geschwister und Freude fuhren uns zum Flughafen. Diesmal kamen wir nicht zu spät.

Ein Toast!

Am Ende möchte ich einen Toast aussprechen – eine weitere typische Tradition des Landes: Ich wünsche, dass sich die Menschen in Kirgistan und auch die Menschen in anderen Ländern, sich ihrer Tradition immer bewusst bleiben. Dies sind unsere Wurzeln, jede Pflanze zeigt, wie wichtig Wurzeln sind. Natürlich gibt es kein zurück, die industrielle, technische Entwicklung, hat ihr Gutes für die Menschen. Natürlich schafft z. B. eine Entwicklung wie das Internet viele neue Möglichkeiten, z. B. miteinander zu kommunizieren, um Informationen zu erhalten und auszutauschen, über den ganzen Erdball. Aber die moderne Gesellschaft birgt – neben anderen Gründen – auch die Gefahr, dass die Menschheit den Blick auf sich selbst und ihre Herkunft verliert. Es gibt, neben den materiellen Dingen, neben Geld und Reichtum, etwas anderes, etwas tiefer gehendes. Und das ist in Völkern wie im Land der Kirgisen heute noch spürbar, weil es dort – noch – lebt. Ich wünsche, das dieses Andere der Menschheit nicht verloren geht. Und ich wünsche, dass wir, damit meine ich die Menschen in Deutschland, lernen von Menschen anderer Kulturen zu lernen.