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Kirgisistan (amtlich Kyrgyz Respublikasy ; deutsch Kirgisische Republik ; auch Kirgisien , Kirgistan , Kyrgyzstan), Staat in Mittelasien, grenzt im Norden an Kasachstan, im Osten und Südosten an China, im Südwesten an Tadschikistan und im Westen an Usbekistan.

Karte Kirgistan

Quelle: https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/kg.html

Kurzinformation

Fläche: 198500 qkm
Einwohner: (2000) 4,685 Mio.
Hauptstadt: Bischkek
Verwaltungsgliederung: sieben Gebiete und die Hauptstadt
Amtssprachen: Kirgisisch, Russisch
Nationalfeiertag: 31.8.
Währung: 1 Kirgistan-Som (K.S.) = 100 Tyin
Zeitzone: MEZ + 4 Stunden

Staat und Recht

Nach der Verfassung vom 5.5. 1993 (mehrfach, zuletzt 1998, revidiert) ist Kirgistan eine präsidiale Republik mit Mehrparteiensystem. Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist der mit weit reichenden Befugnissen ausgestattete, auf 5 Jahre direkt gewählte (einmalige Wiederwahl möglich) Präsident. Das Zweikammerparlament besteht aus der Gesetzgebenden Versammlung mit 60 und der Volksversammlung mit 45 Abgeordneten, die jeweils im Mehrheitswahlsystem für 5 Jahre gewählt werden. Die Exekutive wird von der Regierung unter Vorsitz des Ministerpräsidenten ausgeübt; sie wird vom Präsidenten ernannt und entlassen. Einflussreichste Parteien: Kommunistische Partei K.s, Union der Demokratischen Kräfte, Demokratische Frauenpartei, Partei der Afghanistan-Veteranen, Partei »Mein Land«.

Landesnatur

Fast ganz Kirgistan ist ein Hochgebirgsland (etwa die Hälfte seines Territoriums liegt zwischen 1000 und 3000 m, ein Drittel über 3000m über dem Meeresspiegel); es gehört überwiegend zum erdbebenreichen Gebirgssystem des Tienschan (höchste Erhebungen Pik Pobeda, 7439m über dem Meeresspiegel; Chan-Tengri, 6995m über dem Meeresspiegel) im Nordostteil der Republik. Den kleineren Teil nehmen Alai und Transalai (Pik Lenin, 7134m über dem Meeresspiegel) im Südwesten ein. Die stark vergletscherten Gebirgsketten umschließen Längstäler (Talas-, Tschu-, Alaital) und Becken (Issykkulbecken, Ferganabecken). Das Klima ist ausgeprägt kontinental und trocken, deutlich sind Höhenstufen erkennbar. In den Becken herrscht kontinentales Klima mit Dauerfrost im Winter und trockenen, heißen Sommern. Die jährliche Niederschlagsmenge bleibt meistens unter 300 mm, nur die West- und Nordhänge der Gebirge erhalten 8001000 mm/Jahr. Die Vegetation ist durch das Vorherrschen von Wüsten, Halbwüsten und Steppen gekennzeichnet. Zwischen 1500 und 4000m über dem Meeresspiegel gibt es trockene Bergsteppen, die mit zunehmender Höhe in Wiesensteppen, subalpine und alpine Wiesen übergehen; nur noch 1% der Fläche ist waldbedeckt. Für den Süden sind Nussbaumwälder charakteristisch. 

Bevölkerung

Die Bevölkerung setzt sich aus Kirgisen (65%), Usbeken (14%), Russen (13%), Ukrainern (1%), Tataren (1%), Deutschen (0,4%) und Angehörigen kleinerer Nationalitäten (u.a. Kasachen, Dunganen, Tadschiken, Uiguren u.a.) zusammen. Große ethnische Spannungen zwischen den Kirgisen einerseits und den Usbeken u.a. Minderheiten andererseits führten seit Anfang der 1990er-Jahre zu starker Abwanderung der nichtkirgisischen Bevölkerung (v.a. Russen und Deutsche). Der mittlere jährliche Bevölkerungszuwachs lag 19802000 bei 1,5%. Am dichtesten sind die Agrargebiete in den Tälern der Tschu und Talas sowie das Issykkul- und Ferganabecken besiedelt. Die Kirgisen, Usbeken, Tataren und übrigen turksprachigen Völker bekennen sich zum Islam. Die orthodoxen Christen (v.a. Russen) werden geistlich von der russisch-orthodoxen Kirche betreut; die Deutschen gehören mehrheitlich der katholischen Kirche und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland und anderen Staaten an. Es besteht eine neunjährige allgemeine Schulpflicht. Das Schulsystem gliedert sich in folgende Stufen: die vierjährige Primarschule (Grundschule) und einen zweistufigen Sekundarschulbereich, die fünfjährige SekundarschuleI und die auf den Hochschulbesuch vorbereitende zweijährige SekundarschuleII. Die Analphabetenquote beträgt 3%. Das Hochschulwesen umfasst die Universität in Bischkek (gegründet 1951) und rund 30 Hochschulen und Fachhochschulen. 

Wirtschaft und Verkehr

Die Wirtschaft basiert auf der Landwirtschaft, wo etwa ein Drittel der Beschäftigten tätig ist. Die nach dem Zerfall der Sowjetunion einsetzende, in Mittelasien beispielgebend verlaufende marktwirtschaftliche Entwicklung war mit Produktionsrückgang, hoher Inflation und einer Verarmung großer Teile der Bevölkerung verbunden. Trotz einer Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage seit Mitte der 1990er-Jahre mithilfe des IWF bleibt die ökonomische Situation v.a. wegen der 1998 eingetretenen russischen Finanzkrise angespannt. Nur die Hälfte der Landesfläche ist landwirtschaftlich nutzbar, davon rund 85% Weiden und Wiesen, 10% Ackerland (über 70% bewässert). Etwa ein Drittel des Agrarlandes ist privatisiert. Größte Bedeutung haben die Schafwollproduktion, die Ziegen-, Jak- und Mastrinderhaltung und die Seidenraupenzucht (Naturseideerzeugung) sowie der Anbau von Baumwolle, Kartoffeln, Zuckerrüben, Getreide, Tabak, Futterpflanzen (besonders Luzerne), Mohn und Gemüse, der Obst- und Weinbau.

Kirgistan verfügt über relativ wenig Rohstoffe, jedoch sind besonders im Südwesten einige wertvolle Bodenschätze vorhanden, v.a. Gold (Kumtor-Mine im Südosten von Kirgistan; Goldgewinnung mit ausländischen Firmen), ferner Antimon-, Quecksilber-, Blei-, Zink-, Arsen-, Uranerze, Wismut, Kohle sowie Erdöl und Erdgas (Ferganabecken), Aluminium, Asbest, Schwefelkies und Salz sowie Marmor. In Industrie und Bauwirtschaft sind knapp drei Zehntel der Beschäftigten tätig.

Die Industrie konzentriert sich auf das Tschutal (v.a. Buntmetallerzverhüttung, Maschinenbau, elektrotechnische, Textil-, Nahrungsmittel- und Lederindustrie) und die kirgisische Randzone des Ferganabeckens mit den Schwerpunkten Bischkek und Osch. Die Wasserkraftwerke an den Hochgebirgsflüssen sind zu 80% an der Elektroenergieerzeugung beteiligt. Am Issykkul und im zentralen Tienschan liegen an Thermal- und Mineralquellen zahlreiche Erholungsorte. Ausgeführt werden Baum-, Schafwolle, Tabak, Nichteisenmetalle, Kohle, Hydroenergie, Nahrungsmittel und Textilien, eingeführt Getreide, Eisenmetalle, industrielle Konsumgüter, Erdöl, -gas, Holz, Maschinen und Industrieanlagen, Personenkraftwagen u.a. Umfangreichere Handelsbeziehungen bestehen mit China, den mittelasiatischen Nachbarrepubliken, Russland und Kuba.

Hauptbedeutung hat der Kraftverkehr. Besonders das Landesinnere von Kirgistan ist verkehrsmäßig wenig erschlossen. Das Straßennetz ist 18560 km lang (davon 16890 km mit fester Decke), darunter die Hochgebirgsstraßen Ostpamir- (OschChorog) und Großer Kirgistantrakt (BischkekOsch). Schienenstränge der Eisenbahn (417 km langes Streckennetz) gibt es nur in Nordkirgistan.

Der Flugverkehr ist für die Personenbeförderung, in schwer zugänglichen Gegenden auch für den Gütertransport bedeutsam. Internationale Flughäfen liegen bei Bischkek und Osch. Auf dem Issykkul Schiffsverkehr. 

Geschichte

Die turksprachigen kirgisischen Stämme, die im 7./8.Jahrhundert zwischen Jenissei und Orchon siedelten und im 9.Jahrhundert das Reich der Uiguren in der Mongolei zerstörten, wanderten seit dem 10./11.Jahrhundert in das Gebiet des heutigen Kirgistan ein. Dieses kam im 13.Jahrhundert unter die Herrschaft der Mongolen, im 17./18.Jahrhundert unter die der Dsungaren. Zu Beginn des 19.Jahrhunderts gerieten die Kirgisen in Abhängigkeit des kasachischen Khanats Kokand; mit diesem wurde Kirgistan 1876 Russland angegliedert.

Nach der Teilnahme am Mittelasiatischen Aufstand gegen Russland (1916) und der Oktoberrevolution wurde in Kirgistan 1918 die Sowjetmacht errichtet. Kirgistan gehörte zunächst zu der 1918 gegründeten Turkestanischen ASSR. Das 1924 innerhalb der RSFSR gebildete Karakirgisische Autonome Gebiet wurde 1925 in Kirgisisches Autonomes Gebiet umbenannt, aus ihm ging 1926 die Kirgisische ASSR hervor. Den folgenschwersten Einschnitt stellte die Zwangskollektivierung ab 1929 dar (Zwangsansiedlung der Nomaden, mit der Vertreibung der Sippenoberhäupter einhergehende »Entkulakisierung«, Erweiterung der Baumwollanbauflächen); sie führte nicht nur zur Flucht vieler Kirgisen mit ihren Viehherden nach China und Afghanistan, sondern auch zum Wiederaufleben des erst 1926 zerschlagenen Widerstandes der islamischen Basmatschen. Opposition in den Reihen der kirgisischen Intelligenz einschließlich des Parteiapparates wurde mit »Säuberungen« beantwortet (Reduzierung der Mitgliederzahl der KP um 51%).

1936 Umwandlung Kirgistans in eine Unionsrepublik.

Der Ausbau der Transportwege und die einsetzende Industrialisierung förderten einen Zustrom von Arbeitskräften aus den europäischen Teilen der UdSSR, der Zweite Weltkrieg und die Aufnahme deportierter Völkerschaften verstärkten diesen Prozess. Im Juni 1990 kam es zu blutigen ethnischen Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und der usbekischen Minderheit im Süden der Republik (Gebiet von Osch). Am 15.12. 1990 erklärte Kirgistan seine Souveränität innerhalb der UdSSR, am 31.8. 1991 seine Unabhängigkeit. Staatspräsident A.Akajew (seit Oktober 1990 im Amt, durch Wahlen 1991, 1995 und 2000 bestätigt) leitete nach dem Verbot der KP 1991 eine allmähliche Demokratisierung der politischen Strukturen (Verabschiedung einer neuen Verfassung am 5.5. 1993 durch das Parlament) sowie Reformen in der Wirtschaft (u.a. Privatisierung von Unternehmen, Bekämpfung der Korruption) ein. Im Februar 1995 wählte die Bevölkerung erstmals seit der Unabhängigkeit ein Parlament (Mehrheit der Mandate für Präsident Akajew nahe stehende Abgeordnete).

Besonders durch eine 1996 per Referendum gebilligte Verfassungsänderung, die dem Staatspräsidenten eine weit gehende Bestimmung von Innen- und Außenpolitik zusprach, konnte Präsident Akajew seine Machtposition stärken. In einem weiteren Referendum im Oktober 1998 stimmte die Bevölkerung für die Privatisierung von Agrarland und die Förderung der privaten Landwirtschaft. In einer Konfliktregion gelegen, entwickelte sich Kirgistan zunehmend zu einem Transitland für den Rauschgiftschmuggel aus Afghanistan und sah sich mit dem grenzüberschreitenden Wirken muslimischer Extremisten konfrontiert (1999 und erneut 2000 Kämpfe zwischen der Armee und einer aus Tadschikistan vorgedrungenen islamischen Rebellengruppe).

Im Februar 2000 fanden bei Ausschluss von großen Oppositionsparteien Parlamentswahlen statt, bei denen erstmals über Kandidaten mit Parteizugehörigkeit abgestimmt werden konnte und aus denen die (1992 neu gegründete) KP als stärkste Kraft hervorging (allerdings nur Vergabe von 15 der 105 Abgeordnetensitze über Parteilisten, 90 an »Unabhängige«). In Auseinandersetzung mit einer wachsenden Opposition verstärkte Akajew die autoritären Züge seiner Präsidialherrschaft; in einem Referendum Anfang Februar 2003, das auch die Umwandlung des Zweikammer- in ein Einkammerparlament vorsah, ließ er sich per Referendum bis 2005 im Amt bestätigen. 

Im Dezember 1991 trat Kirgistan der GUS bei.

Im März 1992 wurde es Mitglied der UNO und unterzeichnete 1994 die NATO-Initiative »Partnerschaft für den Frieden«. Mit dem Beitritt zur kasachisch-usbekischen Wirtschaftsunion (1994, seit dem Anschluss Tadschikistans 1998 Zentrale Wirtschaftsgemeinschaft genannt) und zur Gemeinschaft Integrierter Staaten (GIS; 1996) innerhalb der GUS intensivierte Kirgistan die Beziehungen zu seinen Nachbarstaaten. Dem dienten u.a. auch die Unterzeichnung eines Grenzabkommens mit der VR China (1996) und die Vereinbarung einer Zollunion zwischen den Mitgliedern der (um Tadschikistan erweiterten) GIS (1999). Als erste der ehemaligen Sowjetrepubliken wurde Kirgistan im Oktober 1998 in die Welthandelsorganisation aufgenommen; am 1.7. 1999 trat das Partnerschafts- und Kooperationsabkommen mit der Europäischen Union in Kraft.

Hier finden Sie weiterführende Informationen:

https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/kg.html 
Informationen über Kirgistan (in Englisch) 



Literatur

Kyrgyzstan. Social protection in a reforming economy, herausgegeben von der World Bank. Washington, D.C., 1993.

Central Asia and the world, herausgegeben von M.Mandelbaum. New York 1994.

Reinecke, G.: Politische Entwicklung im nachsowjetischen Mittelasien. Demokratisierung in Kirgistan. Köln 1995.

Götz, R. und Halbach, U.: Politisches Lexikon GUS. München 3 1996.

Whittell, G.: Central Asia. The essential practical handbook. London 2 1996.

Kazakstan, Kyrgyzstan, Tadjikistan, Turkmenistan, and Uzbekistan. Country studies, herausgegeben von G.E. Curtis. Washington, D.C., 1997.     

© Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim, 2004