Katze Karo

Mein Herrchen ist Wilhelm Tobias Sauerbier. Er ist 45 Jahre alt. Alle nennen ihn To. Sein Vater, Wilhelm Sauerbier, hat sein Leben lang hart gearbeitet. Alle nennen ihn Willi. Vor der Wende war Willi Leiter der LPG Schweinezucht in Mecklenburg-Vorpommern. Das war in einer Zeit, in der viel improvisiert werden musste. Das immer wieder dringendste Problem war die Futterversorgung. Alles wurde verfüttert, wenn es nichts anderes gab, wurden Schubkarren frisches Brot zum Fressen an die Schweine verteilt. Hauptsache die Tiere wurden satt. 

Jede Sau brachte Geld, die Menschen im Dorf waren nicht reich aber zufrieden. Die Kinder sammelten Essensreste und Küchenabfälle und brachten sie zu den Koben. Überhaupt war Sammeln eine gerne gesehene Beschäftigung für die Dorfkinder und brachte ihnen immer ein paar Pfennige ein.

Willi hatte die LPG gut in Griff, er war angesehen, alle Menschen im Dorf hatten Arbeit, keiner stellte den Sinn in Frage. Von den politischen Geschehnissen in den großen Städten bekamen die meisten Dorfbewohner wenig mit. Sie lebten irgendwie in einer heilen Welt, so schien es meinem Herrchen als Kind. Bis die Wende kam, es die DDR auf einmal nicht mehr gab.

Die LPG wurde sehr bald abgewickelt, schnell war die Erkenntnis verbreitet, wie unwirtschaftlich alles war. Ohne erheblichen finanziellen Aufwand war keine Modernisierung möglich, kein Investor wurde gefunden. Heute sind die Gebäude verfallen, die Flächen sind verwildert und liegen brach. Ich suche dort gerne nach Knochen und jage Karnickel, wenn wir bei Willi zu Besuch sind.

Mit der Wende wurde alles schwerer, die anfängliche Euphorie verflog schnell. Willi musste einen Kredit aufnehmen, um das Haus der Treuhand abzukaufen, das er über Jahre in mühevoller Arbeit gebaut hatte. Seine Welt brach zusammen wie ein Kartenhaus. Sein erstes Westauto wurde wie ein Superding angepriesen, war am Ende aber teuer und andauernd kaputt. Selbst schrauben ging nicht mehr, und sich auf den Nachbarn verlassen, der Stroh für die Kuh gegen die Lichtmaschine für den Trabant tauschte, war vorbei. „Das besorge ich dir“, sagte keiner mehr. „Leiste was, dann bist du wer“, hieß es jetzt. Willi fand zwar Arbeit als Lagerarbeiter, aber sein Wissen, seine Erfahrungen in der Schweinezucht, zählten nichts mehr. So ging es allen, auch meinem Herrchen To. Plötzlich war sein Leben auf den Kopf gestellt. Das Schulsystem wurde umgestellt. Wie To damals sein Abitur schaffte, begreift er heute nicht. Gelernt hatte To den sozialistischen Unterrichtsstoff, geprüft wurden die Lerninhalte der BRD. 

Aber ich schweife ab. Heute ernähren sich To und Luise, mein Frauchen, rein vegan. Das begreift Willi nicht. Wie soll er auch, der alte Schweinezüchter. Aber mein Frauchen will ihn bekehren: „Schaue dir doch an, wie die Tiere heute gehalten werden, damit wir unser Schnitzel und unsere Wurst billig konsumieren können. Das ist absolut unwürdig.“ „Aber ein, aus dem Fernsehen bekannter, veganer Koch darf Lügen verbreiten und sich auf Demos mit Rechten zeigen. Wie geht den das zusammen: Vegan und Rechts, für das Tierwohl sein und rassistisches Denken“, kontert Willi.

„Es braucht riesige, und jeden Tag wachsende, Flächen für die Sojaproduktion und um Futtermittel herzustellen.“ „Bei uns bekamen die Schweine alle Reste und Abfälle des Dorfes“, antwortet Willi, „auf mein Stück Fleisch zum Mittag mag ich nicht verzichten.“ Wenn es bei Willi Schnitzel gibt, lege ich mich immer unter den Stuhl, auf dem er sitzt, vielleicht fällt etwas runter.  Luise isst natürlich ihren veganen Fleischersatz. „Der schmeckt genauso, wie dein Schnitzel, probier doch mal, Willi.“ „Ich esse kein falsches Fleisch! Wie kann man etwas Fleisch nennen, was gar kein Fleisch ist,“ wundert sich Willi. Klar, weil die Menschen mehr Geld verdienen können, wenn sie etwas so nennen, was es nicht mehr ist, aber daran erinnert, in dem es so tut, als ob.

„Warum macht man mit einem immensen Aufwand den Geschmack des Fleisches nach, wenn eine echte Bratwurst vom Fleischer doch viel einfacher herzustellen ist“, meint Willi in den endlosen Diskussionen mit meinem Frauchen. „Weil die Massentierhaltung das Problem ist“, antwortet Luise. „Unseren Schweinen früher ging es gut, wir hatten Respekt vor den Tieren. Dann muss man die Tierhaltung ändern, das Fleisch teurer machen. Ich freue mich auch gerne auf den Sonntagsbraten, wie früher. Wir hatten auch nicht jeden Tag Fleisch, es gab das, was da war.“

So treffen zwei sehr unterschiedliche Denkweisen aufeinander. Selbst ich, der Hund, werde neuerdings vegan ernährt. Leckeres Fleisch konnte ich ohne Pause komplett wegfressen, von meinem veganen Hundefutter lasse ich immer etwas übrig. „Jetzt ist der Hund viel schneller satt. Guck doch mal, er sieht doch gar nicht verhungert aus, unser Hund“, meinte mein Frauchen neulich zu Willi. Willi murmelte nur: „Der Hund kann auch nicht sagen, was ihm schmeckt, aber dass er jetzt weniger frisst, beutet wohl eher, dass es ihm nicht so schmeckt, wie seine tägliche Fleischportion.“ Wie recht er hat!

„Kann man anderen Lebewesen seine eigene Lebenswirklichkeit aufdrängen?“ „Aber es ist doch mein Hund,“ bellt mein Frauchen. Mensch kann, denke ich, aber Tier kann das nicht. Kein Hund würde das tun. 

So gehen die endlosen Diskussionen hin und her. Aber ich wedle immer mit dem Schwanz, wenn wir bei Willi sind und ich den Braten rieche. Ich bin ein schlauer Hund. Viel schlauer als die Menschen.

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