Depression

Hiddensee

Anton hat Depressionen. Immer wieder, schon seit seiner Jugend. Heute schafft er es nicht zur Arbeit ins Büro. Es wird immer später, er kann sich nicht aufraffen und aufstehen. Anton bleibt einfach liegen, mit geschlossenen Augen. Sein Körper ist wie gelähmt, dafür kreisen seine Gedanken schon Stunden wild umher. Anton macht sich Sorgen, seine Angstzustände werden stärker. Schaffe ich alles, fragt er sich ständig. Und wie? Werde ich der Verantwortung, die ich trage, gerecht? Kümmere ich mich zu wenig um meine Familie, meine Freunde, in meinem Job? Fragen über Fragen, denkt Anton.

Sie versuchen immer wieder Probleme zu lösen, die es so vielleicht nie geben wird, sagte seine Therapeutin vor einiger Zeit während einer Sitzung. Wovor sie bewusst Angst haben, passiert sehr wahrscheinlich nie. Über ungelegte Eier braucht man sich keine Sorgen machen. Wieder so ein „guter“ Tipp, mit dem Anton dennoch sehr wenig anfangen kann.

Alltägliche Dinge werden immer schwerer. Lebensmittel einkaufen, unter vielen Menschen sein, schafft er nur sehr mühsam. Anton bekommt Schweißausbrüche, wenn er nur daran denkt. Seit neusten lässt er sich die Lebensmittel nach Hause liefern.

Wie kantige Felsen lasten seine Gedanken auf seinen Schultern. Überlasten seinen Körper. Gestern, der Anruf seines Sohnes, ging ihn an die Nieren. Martin hatte ein Problem. Wie kann er ihn nur helfen? Anton sucht nach Wegen, nach Lösungen und grübelt stundenlang. Sucht im Internet nach Möglichkeiten. Martin meinte, mache dir keine Gedanken, umso mehr Gedanken macht er sich. Natürlich weiß er, Martin lebt sein eigenes Leben. Als Vater, und auch als Freund, wie Martin oft sagt, muss er eigentlich nur zuhören. Nichts mehr. Und dann darf er seinen eigenen Tag leben. Aber das schafft er nicht. Wie klein bin ich doch.

Das Telefon klingelt. Er lässt es läuten. Bestimmt ist es seine Kollegin Isolde. Es war eine Besprechung geplant. Sie ist die Einzige auf Arbeit, die versucht auf ihn zuzugehen. Sich um ihn bemüht. Sein Kollege, am Schreibtisch gegenüber, ist der Ansicht, dass es reicht, in jeder Situation die Pobacken zusammen zu kneifen. So eine Leichtigkeit fehlt Anton.

Alle duzen sich im Büro. Scheinen immer so freundlich, so kollegial. Wie auf einen Maskenball, denkt Anton. Als Isolde neulich andeutete, was alles über ihn in der Kantine erzählt wird, und schlimmer, wie viele über ihn lachen, da wurde er vor Verletztheit ganz still. Mit einem Nicken verabschiedete er sich. Weglaufen ist seine Lösung.

Ein Indianer kennt keinen Schmerz, sagte sein Vater so oft. Ein Mann heult nicht. Nun grübelt er, und weiß keinen Weg. Immer wieder tief getroffen. Lange Jahre Therapie verpuffen im Nirwana. Fast alle Pillen hat er abgesetzt. Er wollte sich wieder selbst wahrnehmen. Und raus aus dem Nebel der Gefühle ohne Höhen und Tiefen. Das hat er nun davon.

Ist doch nicht so schlimm, wiegelt Manfred, sein Kumpel ab, als Anton ihn vor einigen Tagen erzählte, dass es ihm gerade nicht so gut geht. Denke doch einfach positiv, dann wird es schon wieder, meinte Manfred nur, um danach von seinem Urlaub zu erzählen und wie toll doch alles war. Das Einfache ist unmöglich, für ihn.

Es klingelt wieder, diesmal an der Tür. Schon mittags. Alle Rollos sind unten, verdunkeln die Zimmer. Er hört den Schlüssel in der Wohnungstür. Martin setzt sich zu ihm ans Bett. Du, mich hat Isolde angerufen, da bin ich gleich hergekommen, sagt er nur. Martin ist anders, er sitzt einfach nur da. Bei mir ist alles klar, meint Martin zu seinen eigenen Schwierigkeiten. Er macht keinen Druck, keine Vorwürfe. Er macht auch kein Licht und keinen Kaffee. Aber er ist da. Anton bleibt stumm. Stunden später geht Martin wieder. Wenige Worte wurden gesprochen. Anton bleibt alleine, hat kaum gespürt, dass sein Sohn überhaupt da war. Anton, mit seinen eigenen Gedanken, fühlt sich, wie so oft, alleine. Zu oft. Nicht einsam, nein, aber alleine.

Ich bin alleine, in dieser Welt, denkt Anton. Dass das so nicht stimmt, begreift er nicht. Kann es nicht realisieren. Sich selbst in die Augen sehen, bis tief in die Seele, sich selbst nicht zu belügen, die Sinne wirklich zu öffnen, das ist für Anton unendlich schwer. Denn der Schmerz, die Traurigkeit, die Gefühle, würden Anton überwältigen. Er kann sein Leben nicht wahrnehmen, das besondere, das schöne. Er kann keine Kraft aus seinem Leben finden. Wie ein Riegel an einer schweren Tür schieben sich seine Depressionen davor. Da ist es leichter zu gehen.

Vor sechs Jahren kam sein Zusammenbruch, seine Ehe wurde geschieden, er kam in die Klinik. Er fand eine Therapeutin, gewann über Jahre mehr und mehr Vertrauen zu ihr. Die Therapie half ihm, wieder auf die Beine zu kommen. Aber er merkte auch, dass viele Angebote für ihn nicht passten, weil sie nicht individuell auf ihn abgestimmt waren. So mochte er Gruppenspaziergänge gar nicht, er lief gerne schnell und wurde immer wieder zurückgehalten, wenn er zu weit vorlief. Jeder Mensch ist anders, da helfen oft keine Standards. Abgestempelt, als einer der sich nicht anpassen kann.

In der Menge mit schwimmen, war noch nie seine Sache. Das hat ihn früher sehr gewurmt, wenn alles, weil es so schön einfach ist, über einen Kamm gezogen wird. Oder in Schubladen abgelegt wird, aus denen kein entkommen ist. Mittlerweile kann ihn das nicht mehr ärgern.

Martin ist wieder zurück, zusammen mit Isolde. Er hört beide in der Küche leise reden. Anton geht ins Bad, duscht, zieht sich seinen Anzug an. Mechanisch öffnet er das Fenster und lässt sich fallen, aus dem siebten Stock. 

Nachwort. Depressionen und der Freitod sind Tabuthemen unserer Zeit. Ich habe versucht, mich in einen frei erfundenen Menschen hinein zu versetzen. Es ist eine Geschichte, nichts anderes. 

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