Katze Karo

Schon als Junge war er mit dabei. Alle seine Freunde waren es. Alle aus der Straße und fast alle aus seiner Schule. Wie hätte er es da anders machen sollen. Er wäre ein Außenseiter gewesen, andere hätten ihn gemieden, gehänselt oder verprügelt. Nein. Da hat er lieber mitgemacht. Das war wirklich besser für ihn. Er hat nicht lange darüber nachgedacht. Besonders schön war es, wenn ihm die Mädchen nachblickten. Das hat ihn geschmeichelt. Er sah aber auch schick aus, in der Uniform. Den Schulabschluss machen, war unwichtig. Er durfte in den Krieg. Für das Vaterland. Er durfte stark sein. Ein Mann sein, wie sein Vater. Das Leben ist so viel einfacher, wenn man dazugehört. Zusammen mit seinem besten Freund, und allen Jungs aus seiner Klasse, wurden sie gefeiert, als sie am Bahnhof in den Zug stiegen. Sie waren Kameraden und zogen in den Krieg. 

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Lieber Himmel, der 30.12.2018

Wie wir durch eine undichte Stelle im Postmeisteramt ‚Lieber Himmel‘ erfahren haben, wurde kurz nach Weihnachten 2018 ein Kündigungsschreiben an den Weihnachtsmann per Einschreiben gesendet. In der offiziellen Begründung heißt es, dass der Weihnachtsmann zu alt sei. Der weiße Bart sei nicht mehr modern und der heutigen Zeit angemessen. Außerdem ist der alte Weihnachtsmann zu langsam. Die Stelle wird neu ausgeschrieben. Bewerben können sich junge Männer mit Charakter, möglichst ohne Bartwuchs. Im Zuge der Gleichstellung können sich natürlich auch Frauen bewerben. Und Kinder. Bewerbungsschluss ist der 31.7.2019. 

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Wegweiser

Vertrauen heißt, die Zeichen des Weges zu sehen, zu erkennen, zu deuten, und denen, den Menschen, den Fremden, den Freunden, die diese Zeichen gesetzt haben, zu glauben. Auch wenn die Zeit, die vergangen ist, die Zeit die Zeichen verändert hat, sie sind da. Man kann ihnen vertrauen. Man muss es nur tun. Wenn das so einfach wäre …

Willst Du Kinder erziehen musst Du Kind mit Ihnen werden

Als sein Onkel konnte ich ihm nicht helfen. Spätestens nach seinem ersten Suizidversuch, aber bestimmt noch viel früher, hätte ich zu ihm Kontakt aufnehmen müssen. Hätte ihn begleiten müssen. Aber ich habe das nicht getan. Ich kann versuchen mich dafür zu entschuldigen. Es gibt Gründe. Meine Familie. Meine Kinder. Meine Arbeit. Meine Geschichte. Aber all das zählt nicht. Ist keine Entschuldigung. Ich hätte es machen können. Als sein Onkel. Hätte ich ihm zuhören können, ihn annehmen, mit Offenheit für ihn da sein können. Hätte ich ihm erzählt, dass jedes Leben einmalig ist. Wertvoll. Einzigartig. Hätte ich ihm erzählt, dass ein Lebensweg sich aus vielen kleinen Schritten ergibt. Manchmal verschlungene Wege geht. Aber sich jeder Schritt aus den Schritten entwickelt, die man gegangen ist. Ich hätte sagen können, dass man alles verzeihen kann. Selbst einem Mörder seine Tat. Alles. Alles seine Gnade finden kann – und seine Gnade finden sollte. Wenn man seinen Weg bewusst geht. Und zu dem steht, was man tut. Und „Fehler“ einsieht. Und sich daraus weiter entwickelt. Findet. Wächst. Ich hätte sagen können, dass es nicht darauf ankommt, was man ist, was man hat. Was andere, was die Gesellschaft, meinen. Sondern darauf, dass man sich selbst lebt. Sich findet. Man muss keinen wahnsinnig tollen Beruf haben. Nicht Professor oder Pilot oder Rechtsanwalt. Um sein Glück zu finden. Man braucht nicht viel. Wichtig ist nur, dass man sich selbst versucht zu leben. Dass man seine Nische findet. Vielleicht als Künstler. Oder als Vater. Als Poet oder als Einsiedler. Oder, alleine, auf einem Segelboot, als Weltumsegler. Ganz egal. Und ganz egal, was andere meinen, denken oder sagen. All das, meine Lebensphilosophie, hätte ich ihm mitteilen können. Ich hätte für ihn da sein können. Ich hätte ihn als Onkel, als Freund, sein Leben lang begleiten können. Aber ich habe es nicht gesagt, nicht getan, ich habe versagt. Auch wenn die Ursache seiner Entscheidung sehr komplex sind, mein Handeln nicht den Lauf der Zeit ändern kann, ich habe versagt. Daran trage ich tiefe Schuld. Das ist verantwortungslos.

Verantwortung übernehme ist nicht leicht. Man muß zu sich selbst stehen, Stellung beziehen. Man muss dabei die anderen Menschen sehen. Darf ihre Persönlichkeit nicht  außer acht lassen, sie mit ihrer eigenen Wahrheit ernst nehmen. Man muss begreifen, dass jedes Ding, jede Sache, jede Handlung auf Menschen unterschiedlich wirken kann. Jeder hat seine eigene Wahrnehmung. Jeder reagiert anders. Was für den einen richtig ist, kann für den anderen falsch sein, oder nicht so seine Wirkung entfalten. Jedes hat mehr als nur zwei Seiten.

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Möwe

Sein Vater starb mit Mitte fünfzig. Jünger, als nun er jetzt ist. Er hat ihm nichts vorzuwerfen, nichts zu verzeihen. Der Sohn dem Vater. Weil er versucht zu verstehen.

Vater war Alkoholiker. Keine Feier ohne Bier und Schnaps. Das gehörte dazu. Um lustig zu sein. Spaß zu haben. Er macht vieles nicht so, wie sein Vater. Er trinkt nie zu viel. Mal ein Glas Bier im Sommer. Abends ein Glas Rotwein. Mehr nie. Er braucht das nicht. Um lustig zu sein. Oder die Augen zu verschließen. Vater brauchte es. Um zu vergessen. Den Krieg. In dem er als junger Mann, als Kind, eingezogen worden war. Die Wunden der Verletzung. Manchmal schmerzte ihn der amputierte Arm. Phantomschmerzen nannte er es. Ein Arm war verloren. Nicht nur ein Arm. Ein Stück von der Seele. Ein Teil von der Möglichkeit, sich einzufühlen. Weil Gewalt zum Überleben überlebenswichtig war. Und ihn abgestumpft hatte.

Ein Junge weint nicht. Du willst doch ein Mann werden. Waren Vaters Worte, wenn dem Sohn, als kleines Kind, die Tränen kamen. Im Lauf der Jahre wurde der Rücken krumm. Sitz doch gerade, herrschte ihn der Vater immer wieder an. Es half nicht. Vater konnte mit Befehlen nicht die Last nehmen, die sich mit der Zeit auf den Schultern des Sohnes anhäufte.

Sein Sohn litt unter seinen unberechenbaren Gewaltausbrüchen. Aber er machte sie sich nicht zu eigen. Auch wenn er den Jähzorn nachvollziehen kann. Der in einem entstehen kann. In Situationen, in den man sich absolut nicht wohl fühlt. In denen man gezwungen ist zu sein. Ohne sich dabei gut zu fühlen. In denen man nicht sich selbst leben kann. Sich verliert. In denen man dann, voller unkontrollierter Wut, nicht mehr nachdenken kann. Mehr als überfordert. Was, wenn nicht ein erlebter Krieg, ist eine solche Situation? Vater hatte es nie gelernt, sich aus solchen Situationen zu befreien. Er konnte es nie. Er durfte es nie. Auch wenn er es versuchte. Vielleicht.

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Nebel

Bin ich dir zu langweilig? Nein. Du bist ehrlich. Ohne Falschheit. Ohne Lüge. Du bist natürlich. Authentisch. Zärtlich. Voller Gefühle. Mit dir lebt eine Zeitlosigkeit. Ein Stillstehen der Uhren. Eine Offenheit. Ohne Maske. Ohne verstecken. Ein schöner Humor. Eine leise Person. Nichts Großes. Nichts, was immer mehr und immer größer werden muss. Was zufrieden sein kann. Mit dem was ist. Sensibel. Wahrnehmend. Verantwortung tragend. Nicht ohne Zweifel. Nicht ohne Angst. Manchmal auch verzweifelt. Auf dem Weg, zu begreifen. Das alles Leben bedeutet. Zum Leben gehört. Das Leben ausmacht.

Alles hat seine Zeit. Wenn wir es lassen. Wie es ist. Nicht verändern wollen. Was sich nicht von sich aus verändert. Das alles sein Wachsen hat. Sein Werden. Und sein Vergehen. Sein Ende. Das wir dieses Wachsen begleiten können. Helfen können, dass es gedeiht. In dem wir es sehen. Fördern. Aber das wir nicht erzwingen können, was nicht ist.

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Nicht der große Zampano
Keinesfalls mehr sein als schein
Lieber weniger
Und leise und einfach
Nicht in der ersten Reihe
Keine großen Reden schwingend
Ohne Ellenbogen

Nicht so tun als ob
Vielmehr dezent
Zärtlich und sinnlich
In mir
Verstehen suchend
Verletzlich in der Seele
Verantwortung tragend

Mit Liebe für Menschen
Die sind wie sie sind
Fühlend
Nackt ohne Maske
Nicht ohne ein Lachen
Aber nie
Über dich

Wenn ein Kind nicht klar ein Ja oder Nein erfährt, kann es nicht einschätzen, was ein Ja oder Nein bedeutet. Es findet schwer seinen Halt. Alles braucht seinen klaren Rahmen. Es braucht die Klarheit, nicht Worte und Taten, Gefühle und Leben als Widerspruch zu empfinden. Und somit schwer einordnen zu können.

Alles braucht seinen Zeitpunkt. Seinen Rhythmus. Wenn ein Kind Hunger hat, und dann nicht zu essen bekommt, in der Regelmäßigkeit. Was wird dann wohl aus diesem Menschen?

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Ich wippe nach oben
Du nach unten
Jeder wie es seine Aufgabe ist
Geregelt
Und doch oft alleine

Wir wippen zusammen
Du und ich
Halten wir das Gleichgewicht
Gemeinsam
Und sind nicht mehr alleine

Das ist ein Scherz. Natürlich bin ich es nicht. Gott. Wer ist Gott? Manitou? Allah? Buddha? Viele Glaubensrichtungen haben einen Gott. Oder mehrere. Manche Menschen brauchen den Glauben. Um Halt zu finden. Oder einen Sinn im Leben. Soziale Arbeit zu tun. Auch Kriege werden im Namen Gottes geführt. Es gibt bestimmt tausende Gründe. Zu Glauben. Als Kind habe ich beim Weihnachtsgottesdienst nie viel verstanden. Obwohl ich mir Mühe gab. Es war oft Geschwafel in meinen Ohren. Als Kind. Mir war und ist verstehen wichtig. Weiterlesen