Was ich mir so denke – Kurze Geschichten erzählt von Michael

Katze Karo

Mein Herrchen ist Wilhelm Tobias Sauerbier. Er ist 45 Jahre alt. Alle nennen ihn To. Sein Vater, Wilhelm Sauerbier, hat sein Leben lang hart gearbeitet. Alle nennen ihn Willi. Vor der Wende war Willi Leiter der LPG Schweinezucht in Mecklenburg-Vorpommern. Das war in einer Zeit, in der viel improvisiert werden musste. Das immer wieder dringendste Problem war die Futterversorgung. Alles wurde verfüttert, wenn es nichts anderes gab, wurden Schubkarren frisches Brot zum Fressen an die Schweine verteilt. Hauptsache die Tiere wurden satt. Weiterlesen

Glück

Es war einmal und ist schon lange her. In einer kleinen Stadt im Norden des Landes lebte einst ein kleines Mädchen. Ihre Mutter war bei der Geburt gestorben, ihr Vater, ein fleißiger Zimmermann, war, das Kind hatte gerade seinen vierten Geburtstag gefeiert, vom Gerüst gefallen und drei Tage später der Mutter gefolgt. So lebte das Mädchen als Waise bei ihrer Stiefmutter. Mit jedem neuen Tag verblasste ihre Erinnerung an den Vater. Das Kind war sehr in sich gekehrt. 

Gerne kam der Bürgermeister zur jungen Witwe zu Besuch. Eines Tages war es dann soweit. „Willst du meine Frau werden? Aber dann muss die Kleine ins Waisenhaus, ich will meine eigenen Kinder mit dir haben und groß ziehen.“, sprach der Bürgermeister. Die Liebe zum Mann war entfacht, so ließ sich die Frau auf den Handel ein. Das Kind wurde schon am nächsten Morgen ins Waisenhaus gebracht. Keiner sah es, heimlich wischte sich das Mädchen eine Träne aus dem Auge.  Weiterlesen

Wie spät ist es?

Daran kann er sich nicht erinnern, er weiß es nicht, als ob es gestern gewesen wäre: Er kam zwei Monate zu früh auf die Welt. „Hieltest du es nicht mehr aus, im Bauch deiner Mutter?“, habe ich ihn gefragt.

Wer weiß. So musste er mehrere Monate im Kinderkrankenhaus aufgepäppelt werden. Sein Vater brachte jeden Tag die abgepumpte Muttermilch, aber das kann Zärtlichkeit, Wärme und Nähe nicht ersetzen. 

Oft war seine junge Mutter krank oder wieder schwanger. Welche Seele hält das aus, und findet dabei noch die Kraft, eine Liebe geben Könnende zu sein? Ohne als Frau die Schuld zugesprochen zu bekommen, ließ sich das damals schwer ändern. Keiner kann ihr Vorwürfe machen, die Zeiten waren eben so. Es brauchte etwas später die Studentenrevolution, für einen Anfang, die Gesellschaft etwas zu ändern. Und, neben der Macht seines Vaters, war es die Liebe einer Mutter, ihre Verantwortung, ihre Fürsorge, die ihr den Mut gab, die Kinder nicht zu verlassen. 

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Abstand halten

Abstand halten ist in diesen Zeiten das große Thema. Viele Menschen auf engen Raum sind nicht erlaubt. Veranstaltungen fallen aus oder werden verschoben. Das Leben fällt aus oder wird verschoben. Dieses Vorgehen scheint sinnvoll. Ist der Abstand zwischen Menschen etwas Normales, werden so die Menschen die Probleme lösen können, die wir haben (Ähnlichkeiten mit der Realität sind rein zufällig)? Weiterlesen

Katze Karo

Schon als Junge war er mit dabei. Alle seine Freunde waren es. Alle aus der Straße und fast alle aus seiner Schule. Wie hätte er es da anders machen sollen. Er wäre ein Außenseiter gewesen, andere hätten ihn gemieden, gehänselt oder verprügelt. Nein. Da hat er lieber mitgemacht. Das war wirklich besser für ihn. Er hat nicht lange darüber nachgedacht. Besonders schön war es, wenn ihm die Mädchen nachblickten. Das hat ihn geschmeichelt. Er sah aber auch schick aus, in der Uniform. Den Schulabschluss machen, war unwichtig. Er durfte in den Krieg. Für das Vaterland. Er durfte stark sein. Ein Mann sein, wie sein Vater. Das Leben ist so viel einfacher, wenn man dazugehört. Zusammen mit seinem besten Freund, und allen Jungs aus seiner Klasse, wurden sie gefeiert, als sie am Bahnhof in den Zug stiegen. Sie waren Kameraden und zogen in den Krieg. 

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Lieber Himmel, der 30.12.2018

Wie wir durch eine undichte Stelle im Postmeisteramt ‚Lieber Himmel‘ erfahren haben, wurde kurz nach Weihnachten 2018 ein Kündigungsschreiben an den Weihnachtsmann per Einschreiben gesendet. In der offiziellen Begründung heißt es, dass der Weihnachtsmann zu alt sei. Der weiße Bart sei nicht mehr modern und der heutigen Zeit angemessen. Außerdem ist der alte Weihnachtsmann zu langsam. Die Stelle wird neu ausgeschrieben. Bewerben können sich junge Männer mit Charakter, möglichst ohne Bartwuchs. Im Zuge der Gleichstellung können sich natürlich auch Frauen bewerben. Und Kinder. Bewerbungsschluss ist der 31.7.2019. 

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Alter Schlüssel

Ich habe nicht darüber nachgedacht und schon war es passiert.

Warum hast du das gemacht?

Ich weiß es nicht.

War es ein Hilferuf, was meinst du?

Glaubst du? Ich weiß es nicht. Es war wie eine Mutprobe für mich.

Du wolltest anderen etwas beweisen, du solltest dir vielleicht andere Freunde suchen.

Nein. Keiner meiner Freunde hat das von mir verlangt. Es war eine Mutprobe vor mir selbst. Ob ich mich das trauen kann.

Kannst du dir den trauen, bist du dir selbst ein Freund?

Wer bin ich denn?

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Amsel

Wo ist mein Vater?
Er ist im Krieg. Er kämpft für unser Land. Unser Vaterland.
Ich vermisse ihn. Wann kommt er nach Hause?
Ich weiß es nicht. Vielleicht bekommt er bald Fronturlaub. Gehe spielen. Ich habe keine Zeit.
Wo ist mein Bruder?
Frage nicht so viel. Ich muss die Wäsche bügeln. Du weißt es doch. Er ist im Krieg. Er kämpft für unser Land.
Mir ist kalt.
Wir haben keine Kohlen. Ich kann nicht heizen. Gehe ins Bett.
Ich habe Hunger. Soll ich hungrig ins Bett?
Wir habe nur einen Kanten trockenes Brot. Der ist für morgen früh, für das Frühstück.
Dann muss ich hungrig ins Bett. Wann kommt Vater heim? Und bringt etwas zu essen mit. Wie Früher.
Du fragst und fragst. Ich weiß es nicht. Er ist in Russland. Er kämpft für unser Land.
Unser Land. Ich verstehe das nicht. Was heißt das? Ich vermisse ihn. Ich kann mich kaum noch an ihn erinnern. An seine Stimme.
Er kämpft für unseren Führer. Unsere Soldaten opfern sich auf. Lass mich arbeiten. Ich muss noch mal los. Ich habe keine Zeit. Ich bin müde.
Ja. Gehe nur. Ich versuche, warm zu werden. Im Bett. Alleine.

Alleine. Und immer konfrontiert mit der Gefahr. Dem Krieg. Mit der Angst. Mit dem Hunger. Der Sorge eines Gegenangriffs. Der Bedrohung durch den Feind. Aber alles ist abstrakt. Was ist das: Vaterland. Worum geht es, in diesen Krieg? Um uns Menschen doch wohl nicht. Nur um Macht über andere. Mutter ist gegangen. Sie hat keine Zeit. Ich bin alleine. Liebt sie mich? Mein Magen knurrt. Ich verstehe das nicht.

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Wegweiser

Vertrauen heißt, die Zeichen des Weges zu sehen, zu erkennen, zu deuten, und denen, den Menschen, den Fremden, den Freunden, die diese Zeichen gesetzt haben, zu glauben. Auch wenn die Zeit, die vergangen ist, die Zeit die Zeichen verändert hat, sie sind da. Man kann ihnen vertrauen. Man muss es nur tun. Wenn das so einfach wäre …

Willst Du Kinder erziehen musst Du Kind mit Ihnen werden

Als sein Onkel konnte ich ihm nicht helfen. Spätestens nach seinem ersten Suizidversuch, aber bestimmt noch viel früher, hätte ich zu ihm Kontakt aufnehmen müssen. Hätte ihn begleiten müssen. Aber ich habe das nicht getan. Ich kann versuchen mich dafür zu entschuldigen. Es gibt Gründe. Meine Familie. Meine Kinder. Meine Arbeit. Meine Geschichte. Aber all das zählt nicht. Ist keine Entschuldigung. Ich hätte es machen können. Als sein Onkel. Hätte ich ihm zuhören können, ihn annehmen, mit Offenheit für ihn da sein können. Hätte ich ihm erzählt, dass jedes Leben einmalig ist. Wertvoll. Einzigartig. Hätte ich ihm erzählt, dass ein Lebensweg sich aus vielen kleinen Schritten ergibt. Manchmal verschlungene Wege geht. Aber sich jeder Schritt aus den Schritten entwickelt, die man gegangen ist. Ich hätte sagen können, dass man alles verzeihen kann. Selbst einem Mörder seine Tat. Alles. Alles seine Gnade finden kann – und seine Gnade finden sollte. Wenn man seinen Weg bewusst geht. Und zu dem steht, was man tut. Und „Fehler“ einsieht. Und sich daraus weiter entwickelt. Findet. Wächst. Ich hätte sagen können, dass es nicht darauf ankommt, was man ist, was man hat. Was andere, was die Gesellschaft, meinen. Sondern darauf, dass man sich selbst lebt. Sich findet. Man muss keinen wahnsinnig tollen Beruf haben. Nicht Professor oder Pilot oder Rechtsanwalt. Um sein Glück zu finden. Man braucht nicht viel. Wichtig ist nur, dass man sich selbst versucht zu leben. Dass man seine Nische findet. Vielleicht als Künstler. Oder als Vater. Als Poet oder als Einsiedler. Oder, alleine, auf einem Segelboot, als Weltumsegler. Ganz egal. Und ganz egal, was andere meinen, denken oder sagen. All das, meine Lebensphilosophie, hätte ich ihm mitteilen können. Ich hätte für ihn da sein können. Ich hätte ihn als Onkel, als Freund, sein Leben lang begleiten können. Aber ich habe es nicht gesagt, nicht getan, ich habe versagt. Auch wenn die Ursache seiner Entscheidung sehr komplex sind, mein Handeln nicht den Lauf der Zeit ändern kann, ich habe versagt. Daran trage ich tiefe Schuld. Das ist verantwortungslos.

Verantwortung übernehme ist nicht leicht. Man muß zu sich selbst stehen, Stellung beziehen. Man muss dabei die anderen Menschen sehen. Darf ihre Persönlichkeit nicht  außer acht lassen, sie mit ihrer eigenen Wahrheit ernst nehmen. Man muss begreifen, dass jedes Ding, jede Sache, jede Handlung auf Menschen unterschiedlich wirken kann. Jeder hat seine eigene Wahrnehmung. Jeder reagiert anders. Was für den einen richtig ist, kann für den anderen falsch sein, oder nicht so seine Wirkung entfalten. Jedes hat mehr als nur zwei Seiten.

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