Rote Knospe

Wir haben keine Zeit. Für Gefühle, für Trauer. Der Tod. Er kommt. Unausweichlich, für jeden, immer. Manchmal auf plötzliche Weise. Ein Unfall, eine schwere Erkrankung, ein Freitod. Für den Menschen, der gestorben ist, ist es vorbei, das Leben, das Fühlen, alles. Aber es ist nicht vorbei. Für die Menschen, die weiterleben, die den Verstorbenen kannten, die ihn liebten. Es ist nicht vorbei, für die Mutter, den Vater, den Ehepartner, den Kindern, den Verwandten, Freunden und Bekannten. Jedes Leben wirkt.

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Einen Reisenden kann man nicht aufhalten. Leider. Du hast deine Spur hinterlassen. In uns. Für eine andere Welt, eine andere Art zu Leben. Dafür, dass man jeden Menschen sich entfalten lässt, wie er ist. So wenig, wie ich von Dir weiß. Deine Mutter sagt, Du wolltest nicht erwachsen werden, in dieser Welt. Wie Peter Pan. Du hast nie den Faden Deines Lebens gefunden. Vielleicht hast Du Dich auch einfach nur unendlich geschämt. Für Dein Leben. Dein Sein. Für Verletzungen. Vielleicht hattest Du Angst, fühltest Dich bedroht. Hast Dich verloren. Warst einsam, hast Dich nie gefunden. Vielleicht. Vielleicht hast du Dich aber auch gefunden. Nur der Blick von uns anderen hat Dich nicht so sein lassen, so akzeptiert, wie Du es wolltest. Du hast es versucht. Du hattest einen Traum, das weiß ich. Vom Haus am See, wie es Peter Fox besingt. Fast hättest Du ein eigenes Kind gehabt. Aber diese Welt hat es Dir nicht leicht gemacht, nicht ermöglicht, genau so zu sein, wie Du sein wolltest. Alles muss funktionieren. In dieser Welt. Wer aneckt, wer anders ist, wer schwierig ist, der kann es unheimlich schwer haben, seinen Platz, seine Anerkennung, seine Beachtung, seine Nische, zu finden. Für Dich war es nicht möglich, Deinen Platz zu finden. Du warst klug. Du wolltest nicht mehr leben. Als ich am Tag nach Deinem Tod, von deiner Mutter, meiner Schwester, nach Hause kam, haben meine Frau und ich mit einem Glas Rotwein auf Dich angestoßen. Auf Felix.

Kater Socke

Wenn wir meinen, alles zu verstehen, alles ausrechnen zu können, alles zu wissen, dann wird morgen etwas geschehen, was wir im Leben nicht glaubten, das es passieren könnte.

Samstag früh schafften es die Katzen Karo und Socke irgendwie, die Haustür auf zu bekommen. Als wir es merkten, war es zu spät. Die herzkranke, neugierige Katze Karo kam gleich rein ins Haus, der eher ängstliche Socke blieb verschwunden. Wir suchten am Morgen, wir suchten am Nachmittag. Wir hängten Aushänge aus. Wir weinten. Voller Sorge. Wir suchten am Abend, in der Nacht. Verloren den Mut. Und nicht doch auch die letzte Hoffnung. Die Zeit schien stehen zu bleiben. Am Sonntagvormittag verteilten wir unsere Suchzettel noch in den Briefkästen unserer nahen Nachbarn im Dorf. Mehr konnten wir nicht tun.

Anderthalbstunden später. Sonntag Mittag. Mein Handy klingelte. Eine Rufnummer aus dem Dorf. Der Nachbar gegenüber hatte gehört, dass der Hund seines Nachbarn, der gerade auf seinem Boot weilte, komisch jaulte. Er hatte vorher, am Sonntag (!), unseren Zettel gefunden. Und ging mal nachschauen. Und fand unseren blutenden Kater Socke unter der Hundehütte. Er sperrte den Hund ein. Und rief uns an.

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Sehr geehrter Herr Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika!
Sehr geehrter Herr Kim Jong Un, oberster Führer der Demokratischen Volksrepublik Korea, Nordkorea!

Ich habe große Angst. Bin in großer Sorge. Über Ihre gegenseitigen Provokationen. Die der Anfang einer unbeherrschbaren Lawine der Vernichtung werden könnte.

Ich gehe jetzt mal davon aus, dass ihr Vater Sie nicht mit Gewalt gezeugt hat. Ihre Mutter hat Sie unter Schmerzen auf diese Welt gebracht. Hat Sie mit Liebe und Hoffnung das erste Mal im Arm gehalten. Sie haben eigene Kinder. Was ihre Mutter wollte, war ihr Leben. Was Sie für Ihre nächsten Angehörigen wollen, wollen alle Menschen, die mit Liebe Leben gebären. Leben.

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Uli ist freiwillig aus dem Leben gegangen.

Ich kannte sie. Nicht gut. Aber ein bisschen.

Als wir unseren Garten hatten, in der Kolonie,
hatte sie ihren Garten eine Ecke weiter.

Ihre Beziehung zerbrach.

Viele Jahre hat sie für die Diakonie gearbeitet.

Sorgte sich um Qualität.

Wurde schwer Krank.

Krebs.

Überstand diese Krankheit.

Uli erfüllte sich einen Traum.

Übernahm ein gemütliches Restaurant in Berlin-Wedding.

Am Ufer der Spree.

Vielleicht hat sie sich übernommen.

Vielleicht kam die Krankheit zurück.

Vielleicht trübte Alkohol ihren Blick.

Vielleicht wollte sie sich einfach nicht mehr wehren.

Und sie sprang aus dem Leben.

*1965 †2014

Diese Schlagzeile steht heute (17.4.2014) im »Der Tagesspiegel«, Nummer 22020, auf Seite 28 – Weltspiegel, und bezieht sich auf die gekenterte südkoreanische Fähre »Sewol«. Nach diesem schrecklichen Unglück werden noch über 300 Menschen vermisst.

So weit sind wir also nun. Wir setzen eine Katastrophe mit wahrscheinlich hunderte Leidtragenden gleich mit einem Film, einer von Menschen gemachten Fiktion, die nicht der Realität entsprechen muss, bei der es keine Opfer gibt. Wir vergleichen die Realität mit einen Film, und merken dabei nicht, wie wir damit den Film zur Wirklichkeit erheben. Glauben wir den Bildern bald mehr als dem realen Leben?

Von einzelnen Journalisten, aber vielmehr noch von einer Zeitungsredaktion, erwarte ich mehr, setze ich das Gespür für die Wahl der »richtigen« Worte voraus.

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„Wir können wohl nicht verhindern, dass diese Schöpfung eine Welt ist, in der Kinder gemartert werden, aber wir können die Zahl der gemarterten Kinder verringern. Und wenn Sie uns dabei nicht helfen – wer soll uns dann helfen?“ (Albert Camus)

Wir haben in der letzen Woche den kleinen Shakzod aus Tadschikistan kennengelernt, der in Berlin in einem Krankenhaus wegen seiner schweren Verbrennungen behandelt wird. Ich bin tief beeindruckt von diesem kleinen Menschen, aber auch von der Hilfe, die er durch Friedensdorf International erhält.

Link: www.friedensdorf.de

Es war ein Mal ein König, der war sehr, sehr traurig. Keiner konnte ihm helfen. Seine Minister wussten keinen Rat mehr. Immer, wenn ein Mensch geboren wird, dann stirbt auch einer in meinem Land. Das kann doch nicht sein, so dachte der König in seiner Verzweiflung. Der Narr hörte von der großen Traurigkeit des Königs und ging zu ihm. „König“, so sprach der Narr, „sehe es doch so: Immer, wenn ein Mensch stirbt, so wird ein neues Leben in Deinem Reich geboren“.

Aus ARD Tatort, Der traurige König (Fernsehfilm, Deutschland 2012)

„Niemand will sterben. Sogar Menschen, die in den Himmel wollen, möchten nicht sterben, um dort hin zu kommen. Und trotzdem: Der Tod ist ein Schicksal, das wir alle teilen. Und so soll es auch sein, denn der Tod ist die beste Erfindung des Lebens. Er ist der Motor des Wandels.“ Steve Jobs im Juni 2005

Bosnien. Eine Frau fährt zusammen mit einem Pfarrer durch Bosnien. Sie wollen eine Familie besuchen. Der Vater sitzt da, erzählt und lacht. Er ist schwer kriegsverletzt, hat keine Arme und keine Beine mehr. Er kann nichts mehr alleine machen, nicht mehr laufen, keinem mehr die Hand reichen. Er sitzt da und lacht und erzählt. Er kann nicht mehr alleine essen, arbeiten, sich waschen, nichts mehr, nicht einmal mehr den Tod kann er freiwillig suchen.

Später fragt die Frau den Pfarrer, warum sie diesen fröhlichen Mann besucht haben: Er wollte mir sagen, wie glücklich er ist, dass er noch lebt, nach diesem Krieg.

Gehört: 20.11.2010 · 18:05 Uhr · DRadio
Herr Schmidt baut ein Haus
In Bosnien
Von Karla Krause
Nach dem Balkankrieg, Feature über Hilfsorganisation „Bauern helfen Bauern